Das Motto des Tagesthemenbericht „Rettet unsere Hebammen“ vom 20.3. war nicht umsonst:  Vages Versprechen!„Gefährlichster Moment des Lebens ist die Geburt, sie enthält viele Risiken und Unwägbarkeiten“, so die völlig richtige Feststellung. Hinzuzufügen ist: Dieses Faktum lässt sich nicht zu 100% wegversichern! Hier an die Versicherungswirtschaft zu appellieren, die ökonomisch sinnvoll handeln muss, scheint merkwürdig. Kann Deutschland sich Geburten nicht leisten?Hinweise wie: „die meisten Geburten finden im Krankenhaus statt“ – es geht um die „freie Wahl des Geburtsortes“, „nur 3.500 Hebammen deutschlandweit sind betroffen“ führen zu falschen Schlüssen.

Über 20% aller Kinder in Deutschland kommen durch die Begleitung einer freiberuflichen Hebamme zur Welt (2% zu Hause oder im Geburtshaus, 20% durch Beleghebammen in der Klinik). Betroffen ist also ein 5tel aller Geburten! – Mitnichten ein Luxusproblem!Eine Geburt, die unter optimalen Rahmenbedingungen verläuft, hat eine immense präventive Bedeutung für die physische und psychische Gesundheit von Kind und Mutter und für die Familienentwicklung. Optimale Bedingungen herrschen bei der 1:1 Betreuung (eine Hebamme betreut nur eine Geburt zur Zeit). Dies kostet die Krankenkassen nicht mehr als eine Klinikgeburt und ist nach WHO-Einschätzung für 80% der Geburten möglich!

Die 1:1 Betreuung ist in der außerklinischen Geburtshilfe die Regel! Bei Komplikationen muss natürlich die Geburtsmedizin eingreifen – aber das ist mitnichten die Regel. Geburt ist keine Krankheit - dieser WHO-Satz gilt nach wie vor.Hüten muss man sich auch vor den Zahlen 2% Geburten außerhalb der Klinik und 3.500 freiberufliche Hebammen: Eine Reduzierung der versicherungsfähigen Hebammenleistungen auf die Schwangerschaftsvorsorge und Geburtsbegleitung würde das Herzstück der Geburtshilfe zerstören, von dem seit über 30 Jahren verlässlich und empirisch belegt Impulse zur Verbesserung der Rahmenbedingungen von Geburten i.S. der Prävention ausgehen!Und es ist noch viel schlimmer: Mit drastischen Haftpflichtprämien kämpfen nicht nur die Hebammen, sondern auch die Krankenhäuser, die ihre Hebammen und Ärzte in der Geburtshilfe versichern. Also noch einmal zugespitzt die Frage: kann sich Deutschland Geburten nicht leisten?

Die heutige Debatte im Bundestag zur Zukunft der Hebammen brachte immer noch keine neuen Erkenntnisse, resümierte das Aktionsbündnis „Sichert die Hebammenarbeit“ ernüchtert.  „Alle Redner sind nicht vollumfänglich informiert“ konstatiert Anja Vallée vom Geburtshaus Maja in Prenzlauer Berg. Das Aktionsbündnis bietet den Fachpolitikern gerne klärende Hintergrundgespräche an.

Scharfe Kritik richtet die Initiative Berliner und Brandenburger Hebammen und Mütter an Bundestagsabgeordnete die die Geburtshelfer*innen unsachlich angriffen.  So bezeichnete der Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach (SPD) den Aufschrei der Hebammen „als Populismus“ und für Roy Kühne (CDU) ist die aktuelle Petition „gefühlsduselig“. „Wir verbitten uns derartig unflätige Angriffe auf unseren Berufstand, der sich aus der Not heraus an die Öffentlichkeit wenden musste, da die Politik nicht handelt“, kritisierte die Köpenicker Hebamme Marion Kublick die Äußerungen.

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Berliner und Brandenburger Hebammen und Mütter gründeten gestern im Berliner Regierungsviertel das Aktionsbündnis „Sichert die Hebammenarbeit“. Das Bündnis will den Druck auf die Bundesregierung  verstärken um die Geburtshilfe zu erhalten.  Die Kosten für die Haftpflichtversicherung der Hebammen haben sich in den vergangenen Jahren verzehnfacht. Ab Sommer 2015 will nun auch der letzte verbleibende Versicherer sein Angebot einstellen.  
 
„Im Moment besteht die Gefahr, dass es Mitte 2015 keine funktionsfähige Berufshaftpflicht für Hebammen mehr gibt – und Hebammen dürfen nicht ohne Berufshaftpflicht arbeiten“, beschreibt Christine Bruhn, Geschäftsführerin des Geburtshauses in Berlin Charlottenburg die Lage der Hebammen in Deutschland. „Dieses Problem trifft alle Hebammen – egal ob sie freiberuflich oder angestellt arbeiten, ob sie außerklinische Geburten betreuen, als Beleghebamme arbeiten oder Geburtsvorbereitung anbieten, Wochenbetten betreuen, Stillberatung leisten oder die Rückbildung anleiten. Auch Belegkliniken müssten bundesweit schließen“, ergänzt die Hebamme Marion Kublick aus Berlin-Köpenick.
 
Als Sprecherin konnte das Aktionsbündnis die vierfache Mutter Sabine Niels aus Fürstenwalde (Landkreis Oder-Spree) gewinnen. Niels sitzt für Bündnis 90/ Die Grünen im Brandenburger Landtag und spricht aus Erfahrung. Im Spätsommer 2013 hat die Politikerin eine Tochter geboren und wurde von einer freiberuflichen Hebamme „mustergültig“ betreut. „Eine tragfähige und vor allem langfristige Lösung muss bis zum Sommer 2014 von Bundesgesundheitsminister Herrmann Gröhe (CDU) gefunden werden“, mahnt Niels zur Eile.  Ein mögliches Ende der Hebammenarbeit im Sommer 2015 bedeutet, dass Geburtshäuser, Hebammenpraxen und andere hebammengeleitete Einrichtungen aufgrund der laufenden Verträge vielfach schon mit Beginn dieses Sommers, also in wenigen Monaten, mit der Abwicklung ihrer Betriebe beginnen müssten, so Niels. „Wenn ein Geburtshaus im Sommer 2015 schließen muss, kann ab Herbst 2014 keine schwangere Frau mehr angenommen werden, müssen je nach Vertragsabsprachen möglicherweise schon in wenigen Monaten die Verträge für Kursleiterinnen und Stillberaterinnen gekündigt werden. Und die Betreuung von Wochenbetten – schon jetzt ein enormer Engpass – würde unmöglich“, erläutert Anja Vallée vom Geburtshaus Maja in Prenzlauer Berg.
 
Auf ihrer Webseite www.hebammenarbeit-sichern.de lässt das Bündnis daher auch einen Countdown laufen. In 468 Tagen ist demnach „Schluss mit freien Hebammen in Deutschland“, wenn die Politik keine Lösung findet. Das Aktionsbündnis will jetzt in persönlichen Gesprächen mit Bundestagsabgeordneten aus Berlin und Brandenburg auf die Notlage aufmerksam machen.
 

Twittermeldungen

FlohEinstein @wyss_martin Auf der anderen Seite verdienen (fast) alle gleich wenig (Beispiel: Hebammen https://t.co/4bsoLRXwDG )… https://t.co/UFk8Q53JQI
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Frisobotter @drluebbers Gerade mit Säuglingen kann man sich vor dem Mist nicht retten. Hebammen scheinen besonders anfällig für… https://t.co/d1aijcexgl
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robertbilleb RT @DieMeZi: Arbeitskollege, frisch gebackener Vater. Hebamme erklärt ihm, es gäbe Alternativen zur Impfung. Er ist Krankenpfleger und hat…
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